von Lenja Kruck
Mirk und Jenne haben keine Ohren. Sie brauchen auch gar keine, weil sie nämlich eh unter Wasser nicht hören. Sie wohnen in der Seifenschale am Spülbecken, an dem meine Mama manchmal steht und singt, wenn sie die guten Messer von der Urgroßmutter abspült. Mirk und Jenne spüren die Vibration ihrer Stimme in der gläsernen Seifenschale. Wozu braucht man auch Ohren, wenn man Musik hat? Ich kenne sie schon lange und habe versucht, sie an ihren Schlafittchen herauszuziehen. Um sie zu betrachten, unter meinem Fingernagel, und vielleicht unter dem Mikroskop. Mein Fingernagel tauchte in den schleimigen Bodensatz der Seifenschale und suchte nach ihren Schlafittchen, doch ich wusste nicht, wie sie sich anfühlen. „Lass das“, hat Mama gesagt, als ich danach meinen Finger abschleckte. Mirk und Jenne haben sich verkrochen. Ich habe die Seifenschale an einem anderen Tag ganz nah an den Rand der Arbeitsplatte gestellt, meine Augen ganz ganz dicht davorgehalten, obszön, wie ein Exhibitionist. Wegen der fetten Glaswand werden die Augen aus dem Inneren der Seifenschale obszön vergrößert aussehen. Verzerrt und gierig. Mirk und Jenne haben Augen, sie wissen, wie Augen aussehen, nichts brauchen sie dringender als Augen, und sie werden sich so, so fürchten vor meinen. Ich habe den Pupillenmuskel trainiert, vor der Seifenschale, auf und zu und auf und zu, das Licht ist mehr und weniger geworden, dunkler und heller. Mirk und Jenne sind innen am Glas entlanggeschwommen, ich weiß es genau, und haben sich gefürchtet vor meinen Augen. Ich habe so getan, als würde ich singen, nur so getan, ganz ganz leise, aber die Vibrationen haben sie umgehauen, und weil ich die Pupille nochmal vergrößerte, konnte ich ihre kleinen Schlafittchen sehen; sie trieben träge, unbeweglich im Seifenwasser hinter der fetten Glaswand obszön nah an meinem Auge vorbei.

